#12
Valloton fragt Valloton - Die Hitzegarderobe
Lorenz O. Valloton
Mein verehrter Valloton, wir sitzen hier in einem eher untypischen Döblinger Gastgarten, ein sehr entspanntes Café für Müßiggänger, Kreative und Anwohner aller Couleur würde ich sagen. Wo rechnen Sie sich zu?
Friedrich G. Valloton
Selbstverständlich den Müßiggängern. Für Zweiteres fehlt mir das Talent, für Letzteres das Geld.
Lorenz O. Valloton
Wir sitzen hier zwar im Schatten eines Baumes, aber es hat an diesem frühsommerlichen, sonnigen Vormittag bereits knapp 30 Grad. Kurzum: ich transpiriere. Und wie immer angesichts steigender Temperaturen frage ich mich: Wie soll man seine Würde bewahren, was die Kleidung betrifft?
Friedrich G. Valloton
Ich verstehe Sie sehr gut, mein Lieber. Ich selbst leide auch oft unter den hohen Temperaturen. Noch mehr leide ich, wenn ich mich angesichts dessen gezwungen sehe, alle Prinzipien über Bord zu werfen und zum Beispiel kurze Hosen tragen zu müssen um nicht zu vergehen.
Lorenz O. Valloton
Sie tragen kurze Hosen? Gott der Gütige!
Friedrich G. Valloton
Früher habe ich das für mich ausgeschlossen, absolut. Nie, wirklich nie habe ich kurze Hosen getragen. Badehose im Bad, und nur dort. Ansonsten: langes Beinkleid, immer und ausnahmslos. Nun aber, da ich älter werde und die sommerlichen Temperaturen offenbar steigen, bin ich schamlos geworden und greife zu drastischen Mitteln. Das heißt, ich gestatte mir kurze Hosen als Notwehrmaßnahme, wenn es also anders wirklich nicht mehr geht.
Lorenz O. Valloton
Mein Gott! Dass es so weit kommen musste.
Friedrich G. Valloton
Es tut mir sehr leid, mein Lieber, Sie Ihrer Illusionen berauben zu müssen. Ich habe lange durchgehalten! Jahrelang war ich der Einzige und Letzte, der in langen Hosen dasaß und litt, während rundum alle das Bein lüfteten und fröhlich dahin plapperten. Ich will nicht mehr.
Lorenz O. Valloton
Aber jetzt bewahren Sie doch auch noch die Fassung in Ihren langen Baumwollhosen.
Friedrich G. Valloton
Jetzt, bei 30 Grad, wie Sie sagen, ist das noch möglich. In wenigen Wochen, wenn die Temperatur auf 35 Grad und womöglich mehr steigt, werde ich kapitulieren und wenn es die Umstände tagsüber erlauben, zu Shorts greifen.
Lorenz O. Valloton
Wo beziehen Sie diese, wenn ich fragen darf? Das ist ja schließlich wirklich eine der delikatesten Geschmacksfragen überhaupt, nicht wahr? Wer produziert Shorts, die Friedrich G. Valloton zu tragen bereit ist?
Friedrich G. Valloton
Permanent Style von Simon Crompton lässt Exemplare von Rota in Italien produzieren, die stilistisch und in ihrer Ausführung auch gehobenen Ansprüchen genügen, soweit dies bei kurzen Hosen eben möglich ist.
Lorenz O. Valloton
Sie haben ja bereits angedeutet, dass das Tragen von Shorts nur in Ausnahmefällen und nur tagsüber eine Option darstellt. Kommen wir zu den Situationen, in denen diese Bedingungen nicht erfüllt sind.
Friedrich G. Valloton
Ich bitte darum.
Lorenz O. Valloton
Lassen Sie uns zwei Situationen betrachten. Ein Sommertag in der Stadt mit beruflichen Terminen und eine abendliche Einladung ohne Dresscode.
Friedrich G. Valloton
Das lässt sich ohne Kenntnis weiterer Details nicht beantworten, wie Sie nur zu gut wissen. Ich war kürzlich bei einem dieser beruflichen Termine in der Wiener Innenstadt um die Produktion des Buchprojektes eines international bekannten Künstlers zu besprechen. Ebendieser Künstler bestellte um 11 Uhr vormittags Campari Soda und die anwesende PR-Verantwortliche sagte: Ach so, diese Art von Besprechung wird das also! Worauf alle nach kurzem Gelächter alkoholische Getränke bestellten oder zunächst noch Espresso, um zu signalisieren, dass man vor 11 Uhr ohnehin nicht arbeite, und dann im zweiten Schritt Alkohol. Das Ziel der Besprechung war es nicht zu konkreten Ergebnissen oder Handlungsableitungen zu kommen, obwohl man das selbstverständlich vorgab, sondern lediglich, dass alle am Projekt Beteiligten sich kennenlernten und sich fortan im Mailverkehr mit Vornamen ansprechen und sich duzen konnten, was meine Sache nicht ist.
Lorenz O. Valloton
Hat es funktioniert?
Friedrich G. Valloton
Natürlich. Wir verließen das Lokal um 14 Uhr und ich versichere Ihnen, dass niemand der Anwesenden an diesem Tag noch irgendetwas Produktives zustande bringen konnte.
Lorenz O. Valloton
Das ist aber Wien, oder?
Friedrich G. Valloton
Das ist Wien, richtig. In Zürich läuft es aber ähnlich. Getrunken wird überall.
Lorenz O. Valloton
Waren Sie overdressed bei diesem Termin? In Unkenntnis dessen, was oder wer Sie erwarten würde?
Friedrich G. Valloton
Nein, ich wusste, wer kommen würde und ich konnte die Situation ganz gut einschätzen. Meine Kleidung wäre auch dann passend gewesen, wenn wir nicht drei Stunden später das Lokal leicht alkoholisiert verlassen hätten. Man hat uns das natürlich nicht angesehen.
Lorenz O. Valloton
Was haben Sie getragen?
Friedrich G. Valloton
Einen navy-farbenen Dopplereiher von Detlev Diehm in München, ein hellgraues, leichtes Strick-Polo von John Smedley und schwarze, schon etwas ramponierte Oxfords ohne Strümpfe von Alberto Fasciani.
Lorenz O. Valloton
Das will ich bitte auch!
Friedrich G. Valloton
Ich kann es Ihnen nur empfehlen. Diehm ist ein Virtuose und seine DB´s sind a class of its own. Das war ein leichterer Hopsack übrigens, von Loro Piana, um die 230 Gramm. Für Hosen etwas zu leicht im Grunde.
Lorenz O. Valloton
Lassen Sie uns zurückkommen auf den Sommertag in der Stadt mit beruflichen Terminen und eine abendliche Einladung ohne Dresscode.
Friedrich G. Valloton
Ich habe am Abend das Strick-Polo durch ein weißes Hemd ersetzt. Das war´s, der Rest blieb. Weicher Kragen, keine Krawatte, die obersten beiden Knöpfe offen, gefertigt von Gino Venturini in Wien, an das Gewebe erinnere ich mich nicht. Das DB Jackett von Diehm nun mit exotischem Seiden-Stecktuch, von Richard Anderson an der Savile Row. Die liebe ich. Das gibt dem schlichten aber exquisiten Grundgerüst den richtigen Grad an Exaltiertheit.
Lorenz O. Valloton
Und Strümpfe abends, nehme ich doch an.
Friedrich G. Valloton
Selbstverständlich. Seide von Mazarin, das funktioniert auch an warmen Sommerabenden.
Lorenz O. Valloton
Wir setzen diese Überlegungen fort, ja?
Friedrich G. Valloton
Im Schatten eines schönen Baumes.